Vor der Schmerztherapie

Bevor ihr Arzt eine Therapie gegen ihre Schmerzen beginnen kann, muss er sich ein genaues Bild über sie, ihre Schmerzen und ihre sonstige Situation verschaffen. Hilfreich ist es, wenn Sie sich schon vorher etwas auf das Gespräch vorbereiten und insbesondere folgende Fragen beantworten können:

Seit wann haben Sie diese Schmerzen?

Wo haben Sie Schmerzen?

Wie sind Ihre Schmerzen? Können Sie sie beschreiben?

Wie stark sind Ihre Schmerzen?

Wie häufig haben Sie diese Schmerzen?

Wann treten diese Schmerzen gehäuft auf?

Was kann Ihre Schmerzen lindern?

Was verschlimmert Ihre Schmerzen?

 

 

 

Viele Ärzte sind dazu übergegangen für diese wichtigen Fragen einen standardisierten Fragebogen einzusetzen. Somit kann er sicher sein, dass er bei seinen Fragen nichts vergißt. Sollten Sie also von der Sprechstundenhilfe einen derartigen Schmerzfragebogen erhalten, füllen Sie ihn bitte nach bestem Wissen und Gewissen aus, denn damit bekommt Ihr Arzt hilfreiche Informationen für die Therapie. Es könnte sein, dass Sie bei der Frage nach der Stärke Ihrer Schmerzen nicht wissen, wie Sie das messen und ausdrücken sollen. Da dies ein grundsätzliches Problem ist, bedient man sich eines Hilfsmittels. Stellen Sie sich eine Skala von 0 bis 10 vor. Null bedeutet kein Schmerz und 10 bedeutet maximal vorstellbarer Schmerz. Nun ordnen Sie Ihren Schmerz auf dieser Skala ein. Auch hierbei wird Ihnen Ihr Arzt wahrscheinlich ein Hilfsmittel direkt an die Hand geben. Diese Skala gibt es als fertiges Instrument und heißt dann Numerische Analogskala, oder wenn keine Zahlen angegeben sind visuelle Analogskala.

Nach dem ausführlichen Gespräch wird Sie der Arzt körperlich untersuchen. Alle weiteren Schritte hängen dann von dem jeweiligen Krankheitsbild, den Befunden und Ihrem eigenen Befinden ab.

Schmerztherapie in drei Säulen und drei Stufen

Hat Ihr Arzt alle relevanten Informationen, so wird er mit Ihnen ausführlich über die verschiedenen Therapiemöglichkeiten sprechen. Sofern es möglich ist, wird er versuchen, Ihre Grunderkrankung zu behandeln, um damit Ihren Schmerz zu lindern. Bei einer rheumatoiden Arthritis wird Ihr Arzt Ihnen antirheumatisch wirksame Substanzen verordnen, bei einer Osteoporose erhalten Sie Kalzium, Vitamin D und als Frau wahrscheinlich auch Östrogene.

So verschieden diese Krankheiten auch sind, sie haben alle eines gemeinsam, den Schmerz.

Schmerzkarriere verhindern

Wir alle kennen das: Wenn Bewegungen uns Schmerzen bereiten, dann bewegen wir uns einfach nicht mehr bzw. schränken die Bewegungen ein und versuchen durch Schonhaltung so weit es geht den Schmerz zu unterdrücken.
Doch das führt zu einseitiger Belastung und Verkrampfung, auf Dauer zu Fehlhaltung und Veränderungen an Knochen, Muskeln, Bändern und Sehnen. Das Ergebnis ist weitere Schmerzzunahme. Jetzt schmerzen schon die kleinsten Bewegungen, der Alltag und die Nachtruhe sind beeinträchtigt - ständig Schmerzen. Der Mensch ist in einer solchen Situation nicht mehr arbeitsfähig, oft braucht er Hilfe für die Bewältigung seiner Hausarbeit und für die persönlichen Dinge des täglichen Lebens. Es drohen Invalidität und Berentung. Der Schmerzpatient lebt in einem Teufelskreis aus dem er jetzt selbst mit großen medizinischen Anstrengungen oft nicht mehr heraus findet.

Deshalb ist es so wichtig, daß frühzeitig mit einer konsequenten Schmerzbehandlung begonnen wird. Unter Schmerzfreiheit bzw. reduzierten Schmerzen ist der Schmerzpatient wieder in der Lage sich normal zu bewegen und einer vom Arzt verordneten Bewegungstherapie zur Kräftigung der Schwachpunkte im Bewegungsapparat nachzukommen. Durch solche gezielte Maßnahmen besteht die Chance, den Patienten aus dem Teufelskreis herauszuholen bzw. ihn erst gar nicht in einen solchen hineingeraten zu lassen. (s. auch unter "Was ist die Schmerzkrankheit).

Die 3 Säulen der Schmerztherapie

Sie sehen, die moderne Schmerztherapie ist keine Einbahnstraße. Sie besteht auch nicht nur aus einer einzelnen Maßnahme, sondern das Haus der Schmerztherapie besteht aus mehreren Bausteinen, die alle zusammen an der richtigen Stellen eingesetzt ein komplettes Werk ergeben.

Die moderne Schmerztherapie steht auf drei Säulen:

die medikamentöse Schmerztherapie in drei Stufen

die Bewegungstherapie (Physiotherapie bzw. Krankengymnastik) ergänzt durch
physikalische Maßnahmen (Stromtherapie, Kälte und/oder Wärmeanwendungen, Massagen)

die Entspannungstechniken

Ergänzend können alternative Verfahren, wie die Akupunktur und Biofeedback, eingebaut werden.

Ein Verfahren allein ergibt ein nicht komplettes Behandlungskonzept und führt selten zum Ziel.

Die moderne medikamentöse Schmerztherapie
Welche Therapie der Arzt in Erwägung zieht richtet sich zunächst danach, ob es sich um einen akuten oder um einen chronischen Schmerz handelt. Die folgende Tabelle zeigt die jeweiligen Schmerzcharakteristika und Entscheidungskriterien für die beiden Schmerz-Grundformen.

Schmerz

Akut

Chronisch

Dauer

kurz andauernd
(einige Tage od. Wochen)

lang andauernd,
über die erwartete

Ursache

immer bekannt,

oft nicht bekannt
z.B. Verletzung

Funktion

Alarmfunktion

Warnfunktion verloren

Schmerzmittel

schnell wirkende Präparate

lang wirkende Präparate
(Retardpräparate)

Wirkdauer

2-6 Stunden
(Tabletten, Kapseln,
Brausetabletten)

bis zu 12 Stunden
(Tabletten, Kapseln),
bis zu 3 Tagen (Schmerzpflaster)

Einnahmehäufigkeit

4-8 mal pro Tag

2-3 mal pro Tag (Tabletten, Kapseln)
1 Schmerzpflaster für 3 Tage

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat erst 1986 ein Therapieschema zur Behandlung von Krebsschmerzen entwickelt. Es ist eine stufenweise aufeinander aufbauende Behandlungsstrategie, die beginnend bei der Behandlung von zunächst nur schwachen Schmerzen bis hin zu stärksten Schmerzsituationen den Patienten begleitet und nicht selten ihm völlige Schmerzfreiheit beschert.

Was bei Krebsschmerzen funktioniert sollte auch bei nicht Krebs bedingten Schmerzen möglich sein und so ist es auch. Heute ist das Stufenschema quasi der Rote Faden der medikamentösen Schmerztherapie beim Tumorschmerz, aber auch u.a. bei chronischen Rücken- und Gelenkschmerzen, bei Schmerzen aufgrund von Durchblutungsstörungen, bei Phantomschmerzen und Nervenschmerzen nach Gürtelrosenerkrankung.

Stufe 1
Das Prinzip sieht so aus, dass der Arzt zunächst versucht mit leichten Schmerzmitteln der Stufe 1 (z.B. Acetylsalicylsäure, Paracetamol, Metamicol) zu behandeln.
Präparate dieser Stufe, die meist freiverkäuflich sind, d.h. ohne Rezept in der Apotheke besorgt werden können, sollten mit der entsprechenden Sorgfalt verwendet werden. Ein unkritisches Umgehen mit diesen Mitteln kann zu verschiedenen Organschäden führen, wie z.B. Schädigung der Magen- und Darmschleimhaut.

Stufe 2
Ist das Ergebnis nicht zufriedenstellend, werden Schmerzmedikamente der Stufe 2 eingesetzt. Die Schmerzmedikamente dieser Stufe werden zu den schwachen Opioiden gezählt, hierzu gehören die Substanzen Tramadol, Tilidin und Dihydrocodein.

Stufe 3
Helfen auch diese nicht, kommen die starken Opioide (z.B. Morphium, Fentanyl-Pflaster) der Stufe 3 zum Einsatz. Diese Präparate helfen auch noch bei stärksten Schmerzen. Eine Maximaldosis gibt es bei ihnen nicht. Die Schmerzstärke ist hier das Maß für die Dosis. Nicht so bei Schmerzsubstanzen der Stufe 1 und 2, für die jeweils eine für sie eigene Maximaldosis, die therapeutische Grenze ist. Dosierungen darüber hinaus sind sinnlos, da sie keine weiteren Wirkungssteigerungen bringen, dafür aber mehr und stärkere Nebenwirkungen .
Auf jeder Stufe stehen verschiedene Mittel zur Verfügung, so dass eine individuell angepaßte Therapie möglich ist. Die Kombination verschiedener Medikamente der gleichen Stufe ist sinnlos, es addieren sich nur ihre Nebenwirkungen, ohne eine stärkere Schmerzbeseitigung zu erzielen.
Richtig angewendet werden die Opioide recht gut vertragen. Sie sind diesbezüglich den Schmerzmedikamenten der Stufe 1, für die nicht einmal ein Rezept notwendig ist, deutlich überlegen.

Zusatzmedikamente
Auf allen Stufen werden zusätzlich Medikamente eingesetzt, die im eigentlichen Sinne keine Schmerzmittel sind, aber bei bestimmten Schmerzarten einen weiteren schmerzbeseitigenden Effekt bewirken. Solche Eigenschaften besitzen z.B. die Antidepressiva, Antiepileptika, Neuroleptika und das Kortison. Diese Medikamente werden in der Schmerztherapie nicht in dem ihnen angestammten Einsatzgebiet, sondern quasi zweckentfremdet als Hilfsschmerzmittel mit großem Erfolg eingesetzt.

Begleitmedikamente
Begleitmedikamente, sog. Adjuvantien, werden gegen die speziellen Nebenwirkungen der Schmerztherapeutika verabreicht. So können einige Stufe 1-Präparate längere Zeit eingenommen den Magen so stark angreifen, dass es zu Magengeschwüren bis hin zu Durchbrüchen mit starken Blutungen kommen kann. Deshalb erhalten Patienten, die mit diesen Präparaten behandelt werden, vorbeugend entsprechende Magenschutzpräparate.

Wichtig ist, dass sich Arzt und Patient Zeit nehmen, bis sie ein gutes Behandlungsergebnis gefunden haben.

Auch danach muß in Abständen die Therapie überprüft werden. Gegebenenfalls muß die Dosierung angepaßt oder ein Präparat gewechselt werden. Damit Ihr Arzt sich einen besseren Überblick über den Therapieverlauf machen kann, wird er Ihnen möglicherweise ein Schmerztagebuch aushändigen, in das sie jeden Tag festhalten wie es Ihnen geht, wie Ihre Schmerzsituation, ob Sie bestimmte außergewöhnliche Symptome verspüren oder verspürt haben. Ihr Arzt oder eine seiner Helferinnen wird Ihnen erklären wie das Schmerztagebuch zu handhaben ist.

 

Erfolgreiche Schmerzbehandlung sichert nicht nur eine Unterdrückung der Schmerzen, sondern auch wieder ein wesentlich besseres Lebensgefühl.

Einnahme nach festem Zeitplan
Voraussetzung für eine erfolgreiche dauerhafte Schmerzlinderung bei chronischen Schmerzzuständen ist die regelmäßige Einnahme der Schmerzmittel nach einem festen Zeitplan. Der konsequente Einsatz "nach der Uhr" sichert gleichmäßig hohe Wirkstoffspiegel und verhindert das erneute Auftreten von Schmerzen, denn die Ursache für die Schmerzen besteht ja weiterhin. Der Einnahme-Zeitplan richtet sich nach der Wirkdauer der Schmerzmedikamente (s. Tabelle oben) die Ihr Arzt Ihnen verordnet hat.

Die Entwicklung neuer Anwendungsformen

Eine Forderung der Schmerztherapeuten bestand lange darin möglichst Schmerzmittel mit lang andauernder Wirkung zur Verfügung zu haben. Präparate mit kurzer Wirkdauer führen sehr leicht dazu, dass die Schmerzreduktion großen Schwankungen unterliegt - es kommt immer wieder zu schmerztherapeutischen Lücken, d.h. die Patienten verspüren unter solchen Medikamenten in Abständen ihren Schmerz. Hieraus kann sich eine psychische Abhängigkeit entwickeln.
Es wurden Retardtabletten bzw. -kapseln entwickelt, aus denen der schmerzlindernde Wirkstoff im Magen-Darm-Trakt langsam abgegeben wird. Diese Tabletten müssen noch 2-3 mal am Tag eingenommen werden. Wird die Tabletteneinahme vergessen, kommen die Schmerzen wieder. Ärzte und Forscher suchten nach Alternativen.


Aus der Hormontherapie waren bereits Medikamente als Pflaster bekannt. So lag es nahe diese Darreichungsart auch für die Schmerztherapie zu entwickeln. Seit wenigen Jahren stehen jetzt verschiedene Schmerzpflaster zur Verfügung. Welches für Sie in Frage kommt, wird der Arzt mit Ihnen abstimmen.

Die Vorteile dieser einzigartigen Anwendungsform liegen auf der Hand:

ein Pflaster reicht für 3 Tage , nur alle 3 Tage muß ein
neues Pflaster aufgeklebt werden

der Wirkstoff wird ständig gleichmäßig über die Haut aufgenommen

eine Kontrollmembran sorgt dafür, dass nicht zu viel aber auch nicht zu wenig Wirkstoff aufgenommen wird

es muß nicht eingenommen, geschluckt werden

keine schmerztherapeutischen Lücken mehr

das Schmerzpflaster enthält Morphine, ein starker Wirkstoff, der die Schmerzen
sicher beseitigt, das Schmerzpflaster wird von den Patienten meist gut vertragen. Auch bei Schmerzpflaster ist mit den Nebenwirkungen, wie Übelkeit und Verstopfung zu rechnen. Diese sollten von Anfang an, mit Medikamenten gelindert werden.

Schmerzpflaster können für Patienten, die keine Medikamente mehr schlucken können, ein perfekter Ersatz sein. Patienten die mit ihren Medikamenten gut eingestellt sind und zurechtkommen, sollten sich eine Umstellung, dennoch gut überlegen. Die Haut ist das größte menschliche Organ und Temperaturschwankungen (gerade im Sommer) ausgesetzt. Dadurch kann die geplante gleichmäßige Medikamentenaufnahme beeinträchtigt werden.  Sollten Sie den Wechsel einmal vergessen, zeigen die Erfahrungen der Mitglieder unserer Selbsthilfegruppe, gerät der Patient in Schmerzattacken, deren Beseitigung durch kleben eines neuen Pflasters nur sehr langsam beseitigt werden (bedingt durch die langsamere Abgabe über die Haut).

 

Was zu beachten ist

Besonders wichtig ist es für den "Schmerzpatienten", daß er auf einen kompetenten Arzt trifft, der den chronischen Schmerz auch als eigene Krankheitsentität wahrnimmt. Der chronische Schmerz ist bisher nicht ausreichend im Studium als Ausbildungsinhalt vertreten. Das führt leider dazu, daß Patienten mit chronischen Schmerzen eine Odyssee antreten. Ihr Weg führt sie durch zahlreiche Facharztpraxen.

Zumeist wird der Schmerz zunächst als Warnsymptom für eine Erkrankung angesehen und eine entsprechende Diagnostik veranlaßt. Die anschließenden Behandlungsversuche zielen auf eine Besserung eines symptomatischen Schmerzes und müssen in diesem Fall natürlich frustrierend verlaufen.
Sehr wichtig ist es daher, einen für die Schmerztherapie geeigneten Arzt zu finden. Der Hausarzt ist natürlich immer der erste Ansprechpartner und kann auch Empfehlungen aussprechen. Immer häufiger sind auch die Hausärzte in der Lage, eine wirksame Schmerztherapie selbst durchzuführen.

An allen Universitätskliniken und vielen großen Krankenhäusern gibt es auch Schmerzambulanzen, die allerdings sehr häufig mit der kontinuierlichen Betreuung eines Schmerzpatienten überfordert sind.

 

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